Warum ich Kritik an der Homöopathie wichtig finde – Heute: Dr. Christian Lübbers

Seit Christian Lübbers einem Kind eine Portion Globuli aus dem Ohr gezogen hat, dürfte er wohl einer der bekanntesten HNO-Ärzte Deutschlands sein. Warum das Kind Globuli im Ohr hatte? Nun, es hatte eine Mittelohrentzündung und die Eltern haben die Globuli ins Ohr gesteckt. Ja, sowas kann man sich nicht ausdenken…

Jedenfalls ist Christian Lübbers seitdem einer der führenden Aufklärer zur Homöopathie. Der von ihm kreierte Hashtag #Globukalypse hat sich schon lange selbständig gemacht und zieht durchs Internet.

Heute ist Dr. Lübbers bei mir hier im Interview.

Herzlich willkommen, lieber Christian, vielen Dank, dass Du Dich zu diesem Interview bereit erklärt hast. Aber kommen wir gleich zum Kern der Sache: wer bezahlt Dich, dass Du gegen die Homöopathie angehst?

Es ist in der Tat verwunderlich, dass sich so viele Menschen nicht vorstellen können, dass man völlig selbstlos und uneigennützig Aufklärung betreibt. Es gibt weder einen Auftrag- noch einen geheimen Geldgeber im Hintergrund. Der Lohn der Homöopathie-Aufklärung ist es, wenn mittlerweile immer mehr Menschen verstehen, dass Homöopathie keine Naturheilkunde ist und immer weniger Menschen auf die falschen Versprechungen der Pseudomedizin hereinfallen.

Aber Spaß beiseite, eine Frage, die ich mir immer wieder gestellt habe: was denkt man sich, wenn man bei einem Kind so einen Globuli-Pfropf aus dem Ohr zieht?

Wenn ich ehrlich bin, war ich in dem Moment, als ich realisierte, dass das Kind bei einer akuten eitrigen Mittelohrentzündung Globuli in den Gehörgang bekommen hatte, zunächst völlig geschockt und sprachlos. Es war mir bis dahin völlig fremd, welch absurde Stilblüten die Pseudomedizin treiben kann. Wie weit kann man sich als Heilpraktiker aus dem Fenster lehnen und bei einem hoch fiebernden Kind ohne adäquate Diagnostik der Trommelfelle eine Placebo-Therapie empfehlen? Dass die Globuli dann auch noch in den Gehörgang gegeben wurden, hat mir verdeutlicht, dass nicht mal eine adäquate Aufklärung über den korrekten Verzehr der Zuckerkügelchen stattgefunden hat. Unabhängig davon hätten die Globuli natürlich auch keine bakterielle Mittelohrentzündung geheilt, wenn man sie geschluckt oder unter die Zunge gelegt hätte.

Was meinst Du, woher kommt es, dass die Homöopathie noch immer so weit verbreitet ist?

Schuld an der weiten Verbreitung der Homöopathie ist vor allem die Werbung, die suggeriert, dass es sich bei der Homöopathie um wirksame Naturheilkunde handle. Dazu kommt die gesetzliche Sonderstellung der Homöopathie. Diese erlaubt es, homöopathische Verdünnungen über Sonder- und Ausnahmeregeln als Arzneimittel zu registrieren oder gar zuzulassen. Apothekenpflicht und Erstattung durch gesetzliche Krankenkassen tun ihr übriges. Selbst auf der Verpackung ist für den Laien kaum ersichtlich, dass die mit lateinischem Namen bezeichneten Arzneimittel bis zur Wirkungslosigkeit verdünnt wurden. Patienten kann man daher keinen Vorwurf machen, wenn sie darauf hereinfallen, dass es sich bei der Homöopathie um eine wirksame Medizin handle.

Du bist auch bei Twitter sehr stark vertreten, wie hast Du die Diskussion mit den Homöopathie-Anhängern erlebt?

Die Diskussionen zur Homöopathie auf Twitter verlaufen ganz unterschiedlich. Vielen Menschen fällt es bereits wie Schuppen von den Augen, wenn sie realisieren, dass es sich bei der Homöopathie nicht um Naturheilkunde handelt. Dagegen gibt es andere, die bereits über die fehlende arzneiliche Wirkung informiert sind und die die positiven Seiten des Placebo-Effektes betonen. Letztere Diskussionen machen richtig Spaß. Hierbei geht es oft darum, die Medizin wieder besser und ehrlicher zu machen. Aber all das ist auch kein Argument für die Homöopathie. Ich kritisiere die Homöopathie nicht für das, was sie sein könnte, sondern für das, was sie vorgibt zu sein. Die Homöopathie ist eben keine Arzneimitteltherapie und behauptet Dinge, die längst widerlegt sind. Das ist unethisch. Das kritisiere ich.

Du hast ja vor Kurzem diese tolle Aktion mit den schicken Globukalypse-Armbändern ins Leben gerufen. Was war Deine Intention hierzu?

Den Hashtag #Globukalypse gibt es ja bereits seit 2017. Damals habe ich – im Zuge des #Brexit – nach einem griffigen Begriff gesucht, der die Homöopathie-Kritik in den sozialen Medien bündelt. Das Kofferwort aus Globuli und Apokalypse fand ich treffend, da es mir mit der Aufklärung über die Homöopathie darum geht, den esoterischen Schleier dieser Methode zu lüften und den Anspruch nach einer objektivierbaren Beurteilung zu betonen. Damit verbunden ist der ethische Anspruch an eine ehrliche Patientenkommunikation über die „wirkenden“ Kontext-Effekte. Aus diesem Grund fordert die #Globukalypse die Beendigung des ungerechtfertigten Arzneimittelstatus und der überflüssigen Apothekenpflicht von Homöopathika sowie ein Untersagen der Verschwendung von Krankenkassenbeiträgen für homöopathische Leistungen.

Das #TeamGlobukalypse-Bändchen war ja in kürzester Zeit in aller Munde und hoch begehrt. Hat Dich dieser Erfolg überrascht?

Nachdem mir in den sozialen Medien aufgefallen war, dass es immer mehr Menschen wurden, die Kritik an der Homöopathie übten, habe ich mich immer besonders über Aufklärerinnen und Aufklärer gefreut, die ihr Gegenüber ernstnehmen und sachlich fundiert und vor allem respektvoll aufklären. Das #TeamGlobukalypse war geboren. Diese seriösen Mitstreiterinnen und Mitstreiter wollte ich durch eine kleine Aufmerksamkeit auszeichnen und habe die ersten Prototypen der #TeamGlobukalypse Armbänder entworfen und verschickt. Ich hatte niemals damit gerechnet, dass es so ein Hype werden würde und so viele mit dabei sein möchten. In kürzester Zeit tauchten hunderte Fotos der Armbänder bei Twitter, Instagram und Facebook auf. Selbst in den Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages haben es die #TeamGlobukalypse Armbänder bereits geschafft. Ich gebe zu, das macht mich sehr stolz und zeigt mir: Aufklärung hilft!

Eine letzte Frage: Gesundheitsminister Spahn meinte ja kürzlich, die Erstattung von Homöopathika durch die Kassen sei „so okay!“ Was möchtest Du dem Minister dazu sagen?

Erst denken, dann reden.

Lieber Christian, vielen Dank für das Interview und die Zeit, die Du Dir genommen hast und vielen Dank für Dein unermüdliches Engagement im und für das #TeamGlobukalypse!

5 Gedanken zu “Warum ich Kritik an der Homöopathie wichtig finde – Heute: Dr. Christian Lübbers

  1. Ein klasse Interview lieber Michael!!
    Hab nur mit einem Satz ein Problem, den ich nicht verstehe:

    zum Kern der Sache: von bezahlt Dich, dass Du gegen die Homöopathie angehst?

    Tippfehler oder bin ich zu müde zum verstehen? Liebe Grüße zu Dir :))

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