Die Thule-Gesellschaft

Konnte man die bisher hier auf dem Blog vorgestellten okkultistischen Gesellschaft getrost in die Rubrik „Nepper, Schlepper, Bauernfänger“ einordnen kann, kommen wir heute zu einer durchaus gefährlichen Organisation: Der Thule-Gesellschaft, die im August 1918 aus dem „Germanenorden“ hervorgegangen war.

Diese Thule-Gesellschaft kann als eine der zentralen Wegbereiterinnen des Nationalsozialismus gelten. Obschon Hitler selbst kein Mitglied war und es fraglich ist, ob er je an einer Veranstaltung teilgenommen hat, nahm die Gesellschaft starken Einfluss auf die nationalsozialistische Bewegung. Als Beispiel: die Thule-Gesellschaft gab eine eigene Zeitung heraus, den „Münchener Beobachter“, dieser wurde 1919 in „Völkischer Beobachter“ umbenannt und ab Dezember 1920 offizielles Parteiorgan der NSDAP. Auch die Verwendung des Hakenkreuzes wurde von der Thule-Gesellschaft inspiriert, deren Gruß „Sieg und Heil“ als „Sieg Heil“ in die NSDAP übernommen wurde.

Der Name der Thule-Gesellschaft leitet sich her von der sagenhaften Thule, einer nordischen Entsprechung der untergegangenen Kultur von Atlantis. Ein Geschlecht von riesenhaften Übermenschen soll auf Thule gelebt haben. Sie standen nach der Meinung ihrer modernen Bewunderer durch magische Kräfte mit dem Kosmos in Verbindung. Sie verfügten über psychische und technische Energien, die weit über den technischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts gelegen haben sollen. Ein Teil ihres Wissens sei nach Tibet gelangt, wohin sich einige dieser Übermenschen nach dem Untergang ihrer Kultur retten konnten. Dieses Wissen sei nun, nachdem Deutschland am Rande seines Untergangs stehe, zur Rettung des Vaterlandes und zur Entstehung einer neuen Rasse von nordisch-arischen Atlantiern bestimmt. Ein neuer Messias werde kommen, der das deutsche Volk zu dieser seiner wahren Bestimmung führen werde. (Orzechowski: Schwarze Magie – Braune Macht)

Aber fangen wir am Anfang an und dort finden wir einen windigen Typen mit Namen Rudolf Glauer, der 1875 in Hoyerswerda geboren wurde. Eigentlich wollte er Ingenieur werden, schaffte die Ausbildung aber nicht und fuhr dann zur See. Er blieb dann in der Türkei hängen und beschäftigte sich dort mit Esoterik und Okkultismus. 1913 kam er nach Deutschland zurück und nannte sich „von Sebottendorff“, da er angeblich von einem Freiherrn dieses Namens adoptiert worden sei. Zwar gibt es hierfür keinerlei Belege, aber er wurde von der Familie akzeptiert.

Drei Jahre später wurde er Mitglied des Germanenordens, wo er zahlreiche Inspiration für die Thule-Gesellschaft fand, die er im August 1918 in München gründete. Sitz wurde das Nobel-Hotel „Vier Jahreszeiten“. Dort mietete Sebottendorf Räumlichkeiten an, die einen eigenen Eingang hatten. Darin richtete er eine „Germanenloge“ ein sowie die Geschäftsstelle der Gesellschaft und die Redaktion des „Münchener Beobachters“. Leisten konnte sich die Gesellschaft dies, da die Besitzer des Hotels, die Gebrüder Walterspiel ebenfalls Mitglieder waren.

Bei den wöchentlichen Treffen imitierte man die Rituale der Freimaurer, konnotierte diese stark antisemitisch. Auch wurden Vorträge mit rassistischen und antisemitischen Themen abgehalten. Diese Rituale fanden in der „Loge“ statt, die nur Mitgliedern offenstand. Die Vorträge fanden als Veranstaltungen der Thule-Gesellschaft statt und standen auch Gästen offen.

Nachdem der Erste Weltkrieg erfolgreich verloren worden war, gründete Sebottendorff dann noch einen „Kampfbund Thule“, mit dem er in Deutschland eine Diktatur auf rassistischer Grundlage errichten wollte. Im April 1919 vereinigte sich der Kampfbund mit anderen Gruppen zum „Freikorps Oberland“.

Schon zu Beginn des Jahres 1919 versammelten sich unter dem Dach der Thule-Gesellschaft fast alle nationalistischen Gruppen, darunter auch der Alldeutsche Verband. In dieser Zeit leistete sie auch Geburtshilfe für die Deutsche Arbeiterpartei (DAP) des Thule-Aktivisten und Sportjournalisten Karl Harrer, die sich später in NSDAP umbenannte. Sie sollte aber aus taktischen Gründen nicht als Thule-Schöpfung erscheinen. In der Thule-Gesellschaft schuf Sebottendorff auch ein Forum für spätere Größen des Nationalsozialismus wie Hans Frank, Rudolf Heß, Wilhelm Frick, Julius Streicher und Alfred Rosenberg.

Anfang des Jahre 1919 wollten Thule-Mitglieder Kurt Eisner zu entführen, was allerdings nicht gelang. Am 21. Februar 1919 wurde Eisner dann von Graf Arco auf Valley auf offener Straße ermordet. Dieser war erst kurz vorher aus der Thule-Gesellschaft ausgeschlossen worden, da sich unter seinen Großeltern Juden befanden.

Auch beteiligte sich die Thule-Gesellschaft an einigen Putschvorbereitungen. Außerdem unterhielt sie einen eigenen Nachrichtendienst, dessen Spitzel sich bis in die Räteorgane, die KPD oder die bayerische „Rote Armee“ einschlichen. Die so gewonnenen Informationen gingen nach Bamberg, wo die bayerische Regierung damals ihren Sitz hatte.

Als dieses Treiben von den offiziellen Stellen bemerkt wurde, stürmten am 26. April 1919 Militärpolizisten der Räterepublik das „Vier Jahreszeiten“ und verhafteten gut zwanzig Personen, die sich in den Räumlichkeiten der Gesellschaft aufhielten. Sie wurden ins Luitpoldgymnasium überstellt, wo sich ein Stützpunkt der Rotgardisten befand. Im Hof des Gymnasiums wurden am 30. April 1919 sieben aktive Thule-Mitglieder erschossen. Die jüdische Herkunft einiger Repräsentanten der Revolutions- und Rätezeit diente als Vorwand für die nun folgende antisemitische Hetzkampagne. Die Erschießung der Gefangenen am letzten Tag der Räteherrschaft ist fälschlicherweise als „Geiselmord“ in die Geschichte eingegangen. Das Volksgericht München, vor dem im September 1919 der Prozess gegen die so genannten Geiselmörder stattfand, lehnte es ab, die politische Rolle der Thule-Gesellschaft zu untersuchen.

Nach der militärischen Niederwerfung der Räteherrschaft zerfiel die Thule-Gesellschaft in rivalisierende Gruppen und spielte in der völkischen Bewegung nur noch eine untergeordnete Rolle. Sebottendorff zog von München nach Freiburg und anschließend nach Bad Sachsa im Harz. Dann verließ er Deutschland und lebte in der Türkei. Als Adolf Hitler 1933 die Macht übernahm, kehrte Sebottendorff nach München zurück. Er fiel aber bald in Ungnade, da er in seinem Buch „Bevor Hitler kam“ einen Anspruch darauf erhob, die Thule-Gesellschaft sei die Vorläuferin des Nationalsozialismus gewesen. Im Februar 1934 wurde er aus Deutschland abgeschoben. Er kehrte in die Türkei zurück und ertränkte sich angeblich aus Gram über die deutsche Kapitulation am 9. Mai 1945 im Bosporus.

Sebottendorff hat die Gegenrevolution in München organisiert; zugleich war er im deutschvölkischen Lager als Esoteriker und Okkultist bekannt. Dies führte zu einer sich hartnäckig haltenden Legende, wonach der Nationalsozialismus durch geheimnisvolle Kräfte entstanden sei, die sich der Thule-Gesellschaft als Orakel bedient hätten.

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