Moralischer Bankrott

So, nun sind ist sie angelaufen, die wohl größte Impfaktion der letzten Jahrzehnte. Zuerst geimpft werden, laut dem von der Bundesregierung ausgearbeiteten Plan, diejenigen, die am gefährdetsten sind, nämlich die große Gruppe der Hochbetagten, also der Menschen über 80 Jahre.(1) In der Gruppe „Höchste Priorität“ befinden sich dann noch die Bewohner von Alten- und Pflegeeinrichtungen und das Personal solcher Einrichtungen, Pflegekräfte im ambulanten Dienst, Beschäftigte in medizinischen Einrichtungen mit hohem Expositionsrisiko wie Intensivstationen, Notaufnahmen, Rettungsdienste, als Leistungserbringer der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung,  Corona-Impfzentren und in Bereichen mit infektionsrelevanten Tätigkeiten sowie Beschäftigte in medizinischen Einrichtungen, die Menschen mit einem hohen Risiko behandeln, betreuen oder pflegen (vor allem Hämato-Onkologie und  Transplantationsmedizin.) (2)

Finde ich jetzt erstmal eine sinnvolle Einteilung. Gut, man kann darüber diskutieren, aber es ist jetzt halt mal so in der Rechtsverordnung des Bundesgesundheitsministeriums festgeschrieben und daran werden auch nachträgliche Diskussionen nichts ändern, so vehement auch die Diskussionen um des Kaisers Bart auch geführt werden mögen. Dazu kommt noch, dass die Rechtsverordnung auf den Empfehlungen der STIKO, der Ständigen Impfkommission basiert, also auf der Arbeit der absoluten Fachleute auf dem Gebiet. Der Minister [Jens Spahn] betonte, dass er sich bei der ersten Impfgruppe nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) richte. Dazu gehörten auch etwa die Intensivmediziner in den Covid-19-Intensivstationen, die besonders von Ansteckung bedroht sind. (3)

Als erste Patientin wurde nun eine 101-jährige Dame im Harz geimpft. (4) Und schon kommen sie aus ihren Löchern gekrochen: die Nörgelheinis.

So titulierte eine Zeitung (ja, die mit den großen Buchstaben) einen Tag nach der ersten Impfung: Nur 150.000 Impfdosen bei uns angekommen… …aber Edith (101) als erste Deutsche geimpft (5) Und ein Redaktionsleiter aus dem gleichen Verlagshaus twitterte: Ich gönne der 101-jährigen Erstgeimpften in [Deutschland] den Impfschutz von Herzen. Nur: Sollte man nicht eher die erwartete Zahl der geretteten Lebensjahre (=verbleibende Lebenserwartung mal Sterberisiko im Falle einer Infektion) maximieren?

Das ist, mit Verlaub gesagt, schon recht starker Tobak, vor allem, wenn man bedenkt, dass die Publikationen eben jenes Verlagshauses seit Monaten plärren, man müsste „unsere Alten“, die „schwachen Alten“ etc. besser schützen. Ja was denn nun? Erst werft ihr der Regierung vor, die Alten nicht genug zu schützen, dann macht die Regierung genau das – und es ist wieder nicht richtig (zumindest in euren Augen). Das ist nur Nörgeln um des Nörgelns Willen. Dazu kommt noch, dass die Publikationen dieses Verlagshauses bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit die Trümmerfrauen und diejenigen „die unser Land wieder aufgebaut haben“ hervorkramen und sie wie eine Monstranz vor sich her tragen. Das ist – meiner Meinung nach – ein bigottes und verlogenes Verhalten, mit dem nur der Neid geschürt werden soll. Da! Die Alten kriegen die Schutzimpfung zuerst! Skandal! Ich könnte in die Rabatten speien, wenn ich so einen Appell an die niedrigsten Instinkte lesen muss.

Und vor allem: was denken diese Menschen (und hier beziehe ich mich nicht nur auf die Damen und Herren der Journaille, sondern auf alle, die sich in solchen Diskussionen ereifern. Auch an den Hanswurst von der FDP oder den JuLis, der allen ernstes den Gedanken ins Spiel gebracht hat, dass Hochbetagte ihren Platz in der Impfschlange an andere verkaufen sollen.) überhaupt, wer sie sind, dass sie den Wert eines Lebens festlegen und bewerten? Wie geht es dann weiter? Wird dann nach der „Produktivität“ unterschieden? Heißt: der Wirtschaftsboss wird eher geimpft als der Müllmann? Soll in dieser Frage der Sozialdarwinismus um sich greifen? Aber he, erst kommt das Fressen, dann die Moral.

Ich kann mir vorstellen, wie schwierig eine solche Kategorisierung, wie sie in der oben genannten Rechtsverordnung des Bundesgesundheitsministeriums festgelegt wurde, allen an dieser Entscheidung beteiligten gefallen sein muss und ich zolle meinen Respekt, dass sie sich dieser Herausforderung gestellt haben. Und sollte es nicht selbstvertändlich sein, dass in einer solchen Pandemie zuerst diejenigen geimpft werden, die am anfälligsten (die Hochbetagten) und am exponiertesten (das medizinische Personal) sind? Wie moralisch verkommen muss man sein, um tatsächlich solche Überlegungen anzustellen? Ich für meinen Teil werde jedenfalls abwarten, bis ich an der Reihe bin, auch wenn das wahrscheinlich eine gute Zeit dauern wird. Und dann heißt es: rein damit!

Nun ja, wieder einmal bleibt mir nur, den verehrten Professor Bömmel zu zitieren: BAH! Wat seid ihr nur für fiese Charakter! Und mich angeekelt von diesem Teil meiner Mitmenschen abzuwenden.

(1) Ja, ich weiß, es gibt verschiedene Einteilungen der Altersstufen, aber darum geht es hier nicht, bleiben wir also beim Thema.
(2) Quelle
(3) Quelle
(4) Ich hab den Namen der guten Frau vergessen, warum müssen die Leute auch alle verschieden heißen?
(5) HA! Edith heißt sie!

2 Gedanken zu “Moralischer Bankrott

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