Sprechen wir über #allesdichtmachen

Eigentlich wollte ich die ganze Geschichte rund um Jan Josef Liefers und #allesdichtmachen einfach gepflegt ignorieren. Aber das geht ja wieder nicht, weil unsere Freunde aus den Medien wieder wie Pawlow’sche Hunde reagieren und brav über das hingehaltene Stöckchen springen. Sprich: aus so ziemlich jeder Talkshow und aus jeder Zeitung glotzt der Liefers raus (ich habe streckenweise Angst, daheim den Klodeckel aufzuheben, weil ich befürchten musste, dass er da auch noch drunter hockt) und darf sich als armes, unschuldiges Hascherl präsentieren, das man jetzt in bösartiger Weise falsch versteht. Der Arme.

Ich habe mir so viele dieser Clips angeschaut, wie noch möglich. Die Homepage dieser Aktion ist ja mittlerweile down, aber einige Videos wurden ja auf Youtube hochgeladen. Ich fand sie durch die Bank weg ekelhaft. Von Zynismus strotzende Machwerke, die stark an der Grenze zur Menschenverachtung entlang schrammten. Und die Damen und Herren Schauspieler kamen sich in der vermeintlichen Satire noch äußerst intellektuell und bohemienne vor. Dass sie sich damit beispielsweise über all die Pflegekräfte lustig machen, die seit Monaten am Rande der Erschöpfung stehen, das interessiert diese Herrschaften absolut nicht. Auch die Eltern, die in normalen bis beengten Wohnverhältnissen ihre Kinder im Homeschooling betreuen müssen und dann noch mit der Arbeit jonglieren müssen. Für all jene (und das ist glücklicherweise der größte Teil der Bevölkerung), die sich seit über einem Jahr solidarisch verhalten und die Eindämmungsmaßnahmen der Bundesregierung mittragen und sich selbst einschränken, müssen diese Videos ein Schlag ins Gesicht sein.

Aber kommen wir einmal zurück zu Herrn Liefers. Aktuell darf er ja von Talkshow zu Talkshow tingeln und sich darüber beschweren, dass er nichts mehr sagen darf. Und Cancel Culture und überhaupt. Nun, Herr Liefers hätte ja durchaus seine Prominenz und seine privilegierte Stellung in den Medien dazu nutzen können, auf die durchaus prekäre Situation von weniger gut situierten Kulturschaffenden aufmerksam machen können, auf die vielen Kleinkünstler, freien Schauspieler, Sänger, die schon in normalen Zeiten in einem ungemeinen Wettbewerb stehen und sich jedes Engagement erkämpfen müssen und die jetzt zu Corona-Zeiten vor dem Nichts stehen. Hätte er machen können. Hat er aber nicht. Ihm ging es nur darum, sich und seine Spießgesellen rein zu waschen und zu verteidigen. Damit hat er auch diese Chance vertan, wenigstens etwas Gutes aus der Situation zu machen und kocht so nur im eigenen Saft seiner Blase.

Ich muss aber auch eingestehen, dass das Publikum einen großen Fehler macht, indem es dem sogenannten „Halo-Effekt“ erliegt. Nur weil Herr Liefers, Herr Tukur, Frau Makatsch oder Frau Folkerts erfolgreiche Schauspieler sind, haben sie noch lange keine größere Expertise in irgendwas. Das sind Schauspieler, die werden dafür bezahlt, auf möglichst gute Art und Weise die Texte von Autoren aufzusagen. Punkt. Mehr nicht. Und weil Herr Liefers nun mal einen Gerichtsmediziner spielt, heißt das noch lange nicht, dass er irgendeine medizinische Kompetenz hat. Bei den Schauspielerinnen und Schauspielern, die jedenfalls in meinem Leben kennenlernen durfte, verhielt sich das zum größtenteils anders herum, denn meiner Erfahrung nach sind Schauspieler nun nicht gerade die hellsten Kerzen auf der Torte. Das möchte ich hier ausdrücklich nicht generalisieren, sondern nur als subjektives Empfinden einfließen lassen.

Was ist nun die Quintessenz aus der ganzen Aktion? Nun, was man den Schauspielerinnen und Schauspielern auf jeden Fall attestieren kann ist grenzenlose Naivität, keinerlei politische und menschliche Sensibilität und Narzissmus. Diese Naivität sieht man beispielsweise auch darin, wie freimütig Liefers erzählt, dass er schon seit Weihnachten die Medien nicht mehr verfolgt, sich aber gleichzeitig darüber echauffiert, dass es nicht genügend Widerspruch gegen die Corona-Politik der Regierung gibt. Das ist Weltfremdheit pur und jeder recht und billig denkende Mensch greift sich bei so einer Aussage an den Kopf. Ja, natürlich kann man die Stimmung in der Bevölkerung nicht abschätzen, wenn man nur in seiner Zehlendorfer Altbauvilla sitzt und versucht, mit seiner Zunge die Nasenspitze zu erreichen. (Wobei ich jetzt weder behaupten möchte, dass Herr Liefers a) in Zehlendorf, b) in einer Altbauvilla wohnt und c) versucht mit seiner Zunge die Nasenspitze zu erreichen. Weder die Wohnverhältnisse noch die Freizeitgestaltung von Herrn Liefers sind mir bekannt. Sie interessieren mich auch nicht. Meinetwegen kann er auch Pfeifenständer aus Backpflaumen basteln oder Kakerlakenrennen organisieren.)

Hat diese Melange aus Weltfremdheit, Naivität und Unsensibilität nun dazu geführt, dass sich die Herrschaften vor einen gewissen Karren haben spannen lassen oder sind es tatsächlich alle stramme Querdenker? Nun, ich muss ehrlich gestehen, dass ich mich mit solchen pauschalen Verurteilungen immer schwer tue.

Natürlich ist die Kritik der Corona-Politik unserer Regierung legitim. Wir sind eine Demokratie und da ist es selbstverständlich, dass Regierungsmaßnahmen hinterfragt werden. Allerdings muss man, gerade wenn man den Weg des Zynismus wählt, auch auf eine gewisse Reaktion gefasst sein. Die Meinung von Herrn Liefers und Frau Folkerts sind auch nicht sakrosankt und wenn ich in einer gewissen Form in den Wald hineinrufe, dann muss ich halt drauf gefasst sein, dass es in gleicher Art und Weise wieder herausruft. Sich dann als verfolgte Unschuld hinzustellen ist dann doch etwas dreist.

Ich glaube nicht, dass die Herrschaften etwas aus der Aktion gelernt haben, das würde eine gewisse Selbstreflektion bedingen, die bei solchen Menschen zumeist fehlt. Auch die Medien werden nicht daraus lernen und auch weiterhin Schauspieler zu allen möglichen Dingen in Talkshows einladen und ihnen Bühnen bieten. Und warum nicht? Es wird ja konsumiert. Und darauf läuft es ja hinaus.

Und was bleibt? Auf jeden Fall ein ungutes Bauchgefühl bei so manchem, wenn er das nächste Mal den Münster-Tatort einschaltet. Weitergebracht hat die ganze Aktion auf jeden Fall nichts und niemand, im Gegenteil, sie hat Fronten verhärtet und das ist fatal.