Gestohlene Jugend – Christina von Dreien

Wenn man Christina Meier auf einem Foto sieht, sieht man ein ganz normales 17-jähriges Mädchen. Man vermutet nicht, dass sie paranormal begabt ist, mindestens fünfmal reinkarniert (sogar in Atlantis), dass sie die Akasha-Chroniken, die alles Wissen des Universums enthalten, lesen kann, dass sie mit Toten sprechen kann und dass sie über Gaben wie Telepathie, Hell- oder Aurasichtigkeit verfügt. Ja, sie kann sogar mit Tieren UND Pflanzen sprechen. Und ihr Körper baut sich nicht wie beim gewöhnlichen Pöbel auf Kohlenstoff auf, sondern auf Silizium… Was? Sie haben Zweifel? Sie glauben das nicht? Naja ehrlich gesagt … ich auch nicht…

Aber fangen wir da an, wo jeder gute Artikel anfängt, nämlich am Anfang. Christina Meier tritt unter dem Pseudonym „Christina von Dreien“ auf. Der Nachname „von Dreien“ stammt einerseits von ihrem Wohnort Dreien in Mosnang (Kanton St. Gallen, Schweiz) und spielt auf Christinas verstorbene Zwillingsschwester an, mit der es insgesamt drei Geschwister wären.

Christina von Dreien – bleiben wir bei dieser Bezeichnung – ist das „It-Girl der Esoterik“, wie die Schweizer Zeitung „Blick“ schreibt. Sie hält Vorträge und Tagesseminare, während dieser sie ihre recht … nun sagen wir mal eigentümlichen Vorstellung der Welt verbreitet. Da erzählt sie von ihren Reinkarnationen, von Quantenmystik, Neuropsychologie und lauter solchen Schwurbelthemen, die mir das kaum noch vorhandene Resthaar zu Berge stehen lassen.

Ihre Botschaften verbreitet sie aber hauptsächlich über die Bücher, die sie ihrer Mutter Bernadette von Dreien (Bernadette Meier, ehemalige Marathonläuferin und jetzige „Naturheilpraktikerin“) diktiert. Hierin schildert Bernadette auch die Kindheit ihrer Tochter. Unter anderem beschreibt sie darin, wie viele Bücher ihre Tochter schon als Zehnjährige gelesen hat. Auf der Leseliste standen angeblich „Fachbücher in den Bereichen Naturwissenschaft und Mystik“, Kosmologie und Astrologie sowie Abenteuer- und Fantasy-Geschichten. (1)

Und so lesen sich die beiden Bücher auch eher wie Fantasy-Schmonzetten. Da wird über Engel fabuliert, über verschwundene Mayas, über fliegende Teppiche, die beim Pyramidenbau halfen und sogar über Leben auf der Sonne. Nach Christina wird die Erde und die Menschheit bald in die fünfte Dimension aufsteigen und dort wird sich dann eine „paradiesische Gesellschaft“ bilden, deren Beschreibung sich auch wie aus einem kitschigen Fantasy-Roman liest.

Nach ihren Vorstellungen gibt es auch sogenannte „Geistige Teams“, also unsichtbare Begleitpersonen, die jede Person um sich hat. Diese Teams bestehen aus dem Geistführer, dem Schutzengel, dem Läufer, dem Lichtheller, dem Ritter und dem Feldhalter. Diese Teams sind allerdings auch erweiterbar.

In den beiden Büchern wird auch auf die fünf Reinkarnationen eingegangen, wovon mindestens zwei auf Atlantis stattgefunden haben sollen, während die Reinkarnationen Nummer drei und vier „Parallelinkarnationen“ gewesen sein sollen. d.h. dass unterschiedliche Seelenteile Christinas sich ungefähr zeitgleich in zwei unterschiedlichen Personen inkarniert hätten: „Diese beiden parallelen Inkarnationen seien weiblich gewesen. Eine davon habe der Erforschung der Naturwissenschaften gedient, und die andere habe sich mit Philosophie beschäftigt sowie sich auch für gesellschaftspolitische und soziale Themen engagiert und einen Grossteil ihres Lebens in Indien zugebracht. Im Dreidimensionalen seien sich diese beiden Frauen nie begegnet, doch beendeten beide ihren Aufenthalt fast zeitgleich in den 1930er-Jahren.“ (2)

Zusätzlich zu den Büchern gibt es noch diverse Youtube-Videos, die bis zu 130.000 Klicks generieren konnten.

Was mich allerdings an diesen Auftritten und Büchern massiv stört ist, dass sie sich hier auch gegen Organtransplantationen ausspricht. Sie begründet dies damit, dass die entnommenen Organe im „ätherischen Körper“ Lücken hinterlassen, was Probleme bei den nächsten Reinkarnationen bereiten würde. Vor allem verbreitet sie hierzu auch falsche Behauptungen, indem sie behauptet, dass der Zustand des Hirntodes, während dessen Organe entnommen werden, eigentlich nur eine Art Koma wäre, was natürlich hanebüchener Unsinn ist. Die Schweizer Zeitung „Blick“ berichtet auch davon, dass Patienten Therapien abbrechen.

Immer wieder verbreitet sie auch Verschwörungstheorien. Unter anderem zu folgenden Themen:

Kontakt zu Ausserirdischen: Die Regierungen der Welt sind schon längst mit Ausserirdischen in Kontakt, vertuschen das aber.

Üble Ausserirdische beherrschen die Erde: Hinter den Regierungen stehen dunkle Mächte, welche die Menschheit versklaven, weil sie von einer unterdrückten Menschheit profitieren.

Medienverschwörung: Die Medien werden von üblen Mächten beherrscht und haben das Ziel, die Menschen zu manipulieren.

Unwissende und/oder manipulierte Wissenschaft: Der Wissenschaftsbetrieb wird in den Büchern von Bernadette von Dreien wechselweise als unwissend oder als manipuliert dargestellt.

Reptilianer: Die Dinosaurier waren intelligente Lebewesen von einem anderen Planeten und sind heute noch auf der Erde anzutreffen. Christina vermutet sie in unterirdischen Höhlensystemen.

Hohlwelt: Das Innere der Erde ist hohl und bewohnt, in der Mitte befindet sich eine kleine Sonne. In die Hohlwelt haben sich Teile der Bevölkerung von Atlantis zurückgezogen.

Im Studio nachgestellte Mondlandung: Die Mondlandung hat in Christinas Sicht zwar tatsächlich stattgefunden, die damals am Fernsehen gezeigten Bilder wurden aber mindestens teilweise im Studio nachgestellt. „Heute dient der Mond übrigens als Basis sowie als Treffpunkt für Regierungsvertreter vieler Staaten mit Ausserirdischen. Etliche Staaten besetzen auf dem Mond genau abgegrenzte Zonen, die dem Austausch dienen, insbesondere dem Austausch von Technologie.“ (2)

Dazu passt, dass Christina von Dreien seit einiger Zeit auch mit dem Verschwörungstheoretiker Daniele Ganser zusammenarbeitet.

In den Medien wird gelegentlich die Frage diskutiert, ob der Christina-Hype über längere Zeit anhalten oder alsbald abebben wird. Die Antwort auf diese Frage wird von mehreren Faktoren abhängen:
Gelingt es Christina von Dreien, ähnlich mediengewandt und rhetorisch professionell zu werden, wie es etwa Mike Shiva und Pascal Voggenhuber sind? Auf den Charme des unbefangenen Teenie-Geplauders allein wird sie sich nicht mehr verlassen können, wenn sie ihr zwanzigstes Lebensjahr mal überschritten hat.

Findet Christina von Dreien Erklärungen dafür, warum die Welt in fünf, zehn und zwanzig Jahren immer noch nicht der idealen Gesellschaft entspricht, welche sie vorhersagt? Und werden diese Erklärungen für ihr Publikum plausibel sein, das sich nach baldiger Veränderung sehnt?

Gelingt es Christina von Dreien, ein Spezialgebiet innerhalb der Spiritualität zu besetzen, für welches sie in der Öffentlichkeit als erste Adresse gilt, so wie es bei Mike Shiva fürs Wahrsagen und bei Pascal Voggenhuber für die Jenseitskontakte der Fall ist?

Schafft es Christina von Dreien, ihre Fantasie soweit zu zügeln, dass sie sich nicht mit unbescheidenen Inkarnationen, erfundenen Zitaten und unbedachten Äusserungen zu heiklen Themen selbst ein Bein stellt?

Ein über Jahrzehnte anhaltender Christina-Hype würde ein eindeutiges Ja zu allen obigen Fragen bedingen und ist deshalb aus heutiger Sicht eher fraglich.

Denkbar ist auch, dass früher oder später ein jüngeres Kind auftritt, welches in Christinas Fussstapfen tritt, die von ihr geschürten Hoffnungen neu befeuert und damit ihr Publikum an sich zieht. (2)

Der Hype um das esoterische It-Girl Christina von Dreien wird von ihrer Mutter Bernadette meiner Meinung nach gezielt angefacht und das junge Mädchen immer weiter in diese abstruse Rolle des Gurus hinein getrieben. Durch diese absolute Vermarktung, sei es durch Bücher, Vorträge oder Youtube-Videos bekommt natürlich auch die Mutter ihren Anteil an öffentlicher Aufmerksamkeit ab. Eine Aufmerksamkeit, die ihr nach der Verabschiedung aus dem Profisport sicherlich fehlt. Aber gut, das ist ja nur meine Meinung, vielleicht macht es Christina von Dreien ja freiwillig. Fraglich ist nur, was dieser Hype mit der Psyche eines Adoleszenten anstellt und wie heftig der Absturz sein wird, wenn dieser Hype sein Ende findet. Ich finde es nur traurig, dass hier einem jungen Mädchen ein Teil seiner Jugend gestohlen wird, nur um Geld und fragwürdige Aufmerksamkeit zu generieren.

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Literatur
(1) Harder, Bernd: „It-Girl der Esoterik“ und „spirituelles Kindergenie“: Wer ist Christina von Dreien? (abgerufen am 23. November 2018)
(2) Evangelische Informationsstelle Kirchen-Sekten-Religionen: Christina von Dreien (abgerufen am 23. November 2018)

 


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